Ein Herzenswunsch

Kurt Masur und das Mendelssohn-Haus

»Unmittelbar nach seiner Verabschiedung [als Gewandhauskapellmeister] stellte Masur zum 150. Todestag Mendelssohns seinem großen Wunder Gewandhaus das kleine des Mendelssohn-Hauses zur Seite. Mittlerweile ist das Haus in die Oberliga der deutschen Komponistenhäuser aufgerückt. Auch das verdankt Leipzig ihm.« Leipziger Volkszeitung, 18. Juli 2012

Im 20. Jahrhundert ist es vor allem ein Name, der mit Leipzig in weltweit verbunden wird: Kurt Masur. Von 1970 bis 1996 prägte er als Gewandhauskapellmeister, in der Tradition Felix Mendelssohn Bartholdys, die Stadt nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich durch seinen Einsatz in der Friedlichen Revolution im Herbst 1989. Felix Mendelssohn Bartholdy war einer seiner lebenslangen Begleiter. Der Erhalt des Leipziger Mendelssohn-Hauses war ihm Herzenswunsch und Lebensaufgabe.

© Chris Lee
  • Der Dirigent als Humanist und Weltbürger

    „Ich habe immer versucht, den Menschen mit den Mitteln der Musik klarzumachen, dass es Höheres gibt als die Streitigkeiten des Tages. Was uns alle verbindet, ist eigentlich in der Neunten Beethovens dokumentiert: Freude soll die Menschen verbinden und nicht der Hass.“ Kurt Masur

    Als beispielgebende Persönlichkeit wirkte der 1927 geborene Kurt Masur nicht nur in Deutschland, sondern bis zu seinem Tod im Dezember 2015 als Vermittler und Weltbürger für kulturelle und demokratische Werte. Er mischte sich ein in gesellschaftspolitische Diskurse und nutzte seine Prominenz zum Wohle der Gemeinschaft: Das reichte von seinem Einsatz für die Rettung des Mendelssohn-Hauses über seine zukunftsweisende Initiative für und Durchsetzung des einzigen DDR-Konzerthausneubaus, dem Neuen Gewandhaus, bis hin zu seinem Engagement in der Friedlichen Revolution.

    Masur setzte Maßstäbe in der Erarbeitung und Interpretation von Orchesterwerken und Förderung junger Musiker. Sein Denken und Wirken war neben der Beschäftigung mit der Musiktradition immer auch gekennzeichnet von Neugier und Offenheit bei der Überschreitung von musikalischen Genres (z.B. Interesse für Jazz) und von Disziplinen im Kulturbetrieb (wie Kunstausstellungen im Gewandhaus zeigen).

    Frühere Stationen in seinem musikalischen Wirken waren das Stadttheater Halle und die Dresdner Philharmonie. Er war von 1970 bis 1996 Gewandhauskapellmeister in Leipzig, von 1991 bis 2002 Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker und 2000 bis 2007 Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra. 2002 bis 2008 oblag ihm auch die musikalische Leitung des Orchestre National de France in Paris. Darüber hinaus dirigierte er Orchester auf der ganzen Welt und war zum Beispiel Ehrendirigent des Israel Philharmonic Orchestras.

    Kurt Masur dirigiert das New York Philharmonic Orchestra. © Chris Lee
  • Glücksfall Leipzig

    »Nie werde ich den Augenblick vergessen, als ich beobachten konnte, wie Kurt Masur in seinem wunderschönen Gewandhaus in Leipzig hin- und hergerissen war zwischen dem Ruf der Musik seines Gewandhausorchesters, der aus dem großen Konzertsaal zu ihm drang, und dem Ruf der Menschen vor dem Gewandhaus, die nach seiner Führung verlangten.«
    Kurt Biedenkopf zur Verleihung des Deutschen Staatsbürgerpreises an Kurt Masur 2011

    Kurt Masur hat die Musikstadt Leipzig und das Gewandhausorchester geprägt wie kaum ein Anderer und die Stadt Leipzig war auch für Kurt Masur ein absoluter Glücksfall. Mehr als 2000 Konzerte hat er mit dem Klangkörper bestritten, den Bau eines Neuen Gewandhauses am Augustusplatz ehrgeizig und voller Leidenschaft befördert und geformt, die Räume geöffnet für politische Debatten, Straßenmusiker und Jazz, Ausstellungen und vieles mehr. Viele Aufnahmen und Tourneen verbreiten das neue Ansehen des Gewandhausorchesters in der ganzen Welt.  Zwischen 1971 und 1996 gastierten das Gewandhausorchester mit Kurt Masur insgesamt zehnmal in den Vereinigten Staaten und siebenmal in Japan, von den ausgedehnten Konzertreisen nach Süd,- Ost-, Nord- und Westeuropa, Südamerika und von den Besuchen des westlichen Teils Deutschlands ganz abgesehen. Insgesamt waren es 30 verschiedene Länder, die in großen, mehrwöchigen Tourneen angefahren wurden. Und Masur dirigierte in seiner Heimat auch Opern.

     Er garantierte dabei immer den künstlerischen Bestand des vor allem deutschen Repertoires von Klassik, Romantik und Spätromantik, ohne dass er slavische Musik oder zeitgenössische Musik vernachlässigt hätte. Er feilte an der spieltechnischen Qualität des Orchesters, er wuchs mit seiner leicht bärbeißigen Natur zur Vaterfigur empor. Diese Position und sein unbändiger Wille zur Wahrung der kulturellen Vielfalt in Leipzig verhalf ihm auch dabei das Mendelssohn-Haus zu bewahren und viel mehr bewahrte er die Leipziger gemeinsam mit weiteren Akteuren am 9. Oktober 1989 vor weiterem Schrecken.

    Kurt Masur öffnete im Herbst 1989 das Gewandhaus für den gesellschaftlichen Dialog und leitete selbst viele Veranstaltungen. © Gert Mothes
  • Den Geist Mendelssohns in die Welt tragen

    „Wenn Mendelssohn einmal geäußert hat, dass Leben und Kunst nicht zweierlei seien, so habe ich diese Einheit immer sehr tief empfunden und danach gestrebt, so zu handeln.“
    Kurt Masur im Prolog zu seiner Biographie „Zeiten und Klänge“

    Kurt Masur hat Felix Mendelssohn Bartholdy nicht nur mit seinen Konzertprogrammen, Referenzeinspielungen und Vorträgen ein Denkmal gesetzt, sondern darüber hinaus einen würdigen erlebbaren Mittelpunkt für das Erbe des Komponisten, Dirigenten, Kulturpolitikers und Europäers par exellence geschaffen – das Mendelssohn-Haus Leipzig. In der Eröffnung des Museums zum 150. Todestag im Jahr 1997 gipfelte das erste Mal sein unermüdliches Engagement um die Rettung des Wohn- und Sterbehauses Mendelssohns, jener einzig erhalten gebliebenen Privatadresse des Musikers. „Es ist der Reichtum seiner Musik und die tiefe Menschlichkeit seiner Werke, die mich so ansprechen“, begründete Kurt Masur einst sein Engagement. Den Komponisten, der im 19. Jahrhunderte durch antisemitistische Anfeindungen und musikästhetische Vorurteile an den Rand des Repertoires gedrängt wurde, stellte Masur in den Mittelpunkt seines Wirkens. Immer wieder zeigte er die Vielfalt seiner Musik und spielte mit dem Gewandhaus Orchester fast das komplette Werk ein, darunter auch die niemals zuvor beachteten frühen Streichersinfonien. In den über 26 Jahren, die Kurt Masur Dirigent des Gewandhausorchesters war, hat er außerhalb Leipzigs mehr als 940 Konzerte gegeben. Neben den Kompositionen von Beethoven und Brahms standen die Werke von Mendelssohn am häufigsten, nämlich 220 mal auf dem Programm. Auch mit seinen Orchestern in New York, London und Paris führte Masur regelmäßig die Kompositionen Mendelssohns auf. Besondere Aufmerksamkeit erhielten darüber hinaus seine Aufführungen des „Elias“ mit den Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv und der ganzen Welt.

  • New York, Paris und London

    „Von Anfang an habe ich gesagt, die Zukunft dürfe nicht grau erscheinen; die Zukunft solle vielmehr noch größere Erwartungen an das Publikum stellen – nicht nur im Hinblick auf Aufführungen mit hohem künstlerischen Anspruch, sondern auch auf die Bereitschaft unter den Philharmonikern, sich neuen musikalischen Einflüssen zu öffnen und die Visionen junger Komponisten zu entdecken.“
    Kurt Masur in einem Interview mit Phillip Booth, 28. Dezember 1999

    Von der Musikstadt Leipzig aus führte der musikalische Weg Kurt Masurs als Chefdirigent zu vielen anderen internationalen Orchester wie dem New York Philharmonic Orchestra (1991 bis 2002), dem London Philharmonic (2000 bis 2007) und dem Orchestre National France (2002 bis 2008) und war gerngesehener Gast bei vielen renommierten Orchestern auf der ganzen Welt.

    Kurt Masurs Zeit bei den New York Philharmonics zeichnete sich durch viele außergewöhnliche Veranstaltungen aus. Sie reichten von prächtigen, hochkarätigen Gala-Konzerten bis zu ganz legeren öffentlichen Konzerten im Central Park. 1992 feierte das Orchester ihr 150. Jubiläum in großem Stil. Beim ersten Memorial Day Concert, initiiert von Kurt Masur, in der Kathedrale St. John the Divine stellten sich hunderte von Menschen viele Stunden vor Beginn für dieses Konzert an. Das für die Besucher kostenfreie Memorial Day Concert ist eine Tradition und die als eine der beliebtesten Veranstaltungen in New York City bis heute fortgesetzt wird. Das geplante Saison-Eröffnungskonzert im September 2001 wurde zu einer Benefizveranstaltung für die Feuerwehrleute. Johannes Brahms „Ein Deutsches Requiem“ mit seinem bewegenden Choral „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ war ein musikalisches Gedenken an die Opfer des Anschlages vom 11. September 2001. Dieses Konzert hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt und es wird bis heute jährlich am 11. September ausgestrahlt.

    Im Jahr 2000 rief man Kurt Masur nach Europa. Im selben Jahr wurde er Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra und ab 2002 zudem Musikdirektor des Orchestre National de France. Mit beiden Orchestern spielte Kurt Masur eine Reihe wichtiger CDs ein. Im Juli 2007 feierte Kurt Masur seinen achtzigsten Geburtstag mit einem beeindruckenden Konzert bei den BBC Proms in London, wo er die Musiker des London Philharmonic und des Orchestre National de France vereinte und zusammen dirigierte. Die Royal Albert Hall war gefüllt mit 6000 begeisterten Zuhörern.

    Der New Yorker Central Park wird zur Bühne. Kurt Masur dirigierte hier 1998 das New York Philharmonic Orchestra. © Chris Lee
Durch die Kraft der Musik

Internationales Kurt-Masur-Institut

„Wir sollten in Deutschland wieder etwas lernen: Musik ist ein Element das vereint.“
Kurt Masur zur Verleihung des Deutschen Staatsbürgerpreises 2011

Seit 2016 hält das Internationale Kurt-Masur-Institut die Erinnerung an Kurt Masur und sein Lebenswerk lebendig. Es dient als Ort der Begegnung und Bildung im humanistischen und weltoffenen Sinne des Maestros und will „durch die Kraft der Musik“ weltweit Menschen und insbesondere Kindern und Jugendlichen neue kulturelle Perspektiven öffnen. Das Institut ist Teil der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung im Mendelssohn-Haus Leipzig.

Persönliche Gegenstände erinnern im Mendelssohn-Haus an Kurt Masur. © Christian Kern
  • Aktivitäten und Projekte

    „Die Botschaft, die ich den Menschen bringen wollte, ist seit Beginn meines Lebens die gleiche: Verständigung, Freundschaftlichkeit, Humanismus.“
    Kurt Masur

    Durch Kurt Masurs couragiertes Auftreten, seine engagierten Worte und seine Musikinterpretationen erfuhren viele Menschen Unterstützung, Erbauung und Ermutigung, sowie Denkanstöße. Aus diesem geistigen Erbe heraus entwickelt das Institut verschiedene Veranstaltungsformate. Der Aufbau eines digitalen Kurt-Masur-Archives, Symposien zu Themen aus Musik und Gesellschaft, Sonderausstellungen, Weiterbildungsprojekte für junge Dirigenten, die Verleihung des Kurt-Masur-Preises und der internationale Austausch von jungen Musiker:innen sind die Grundpfeiler seiner Arbeit.

    Das Bundesjazzorchester präsentierte sich 2019 im Kunstkraftwerk Leipzig auf Einladung des Kurt-Masur-Institutes. © Kunstkraftwerk/Luca Migliore
  • Kinder- und Jugendarbeit

    „Das Geheimnis der Musik jungen Menschen weiterzugeben, ist im Augenblick unsere größte Aufgabe. Die Musik kann im Menschen – wenn man es gelernt hat, sie zu verstehen – Assoziationen auslösen, Fantasie neu entstehen lassen.“
    Kurt Masur

    Eine zentrale Aufgabe des Institutes ist es, zukünftige Generationen zu befähigen, ihre (musikalische) Stimme im Respekt vor dem Anderen zu nutzen und den gesellschaftlichen Dialog mitzugestalten. In Kooperation mit mehreren Grund- und weiterführenden Schulen wird Kindern und Jugendlichen immer wieder eine kreative Auseinandersetzung mit Kurt Masur und der Musik z. Bsp. Ludwig van Beethovens ermöglicht. Der Beginn des Schlusssatzes der 9. Sinfonie „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“ steht synonym dafür, dass es einen Zustand friedlicher Koexistenz nicht ohne eigene Mitwirkung in der Zivilgesellschaft geben kann. Die Wechselwirkung zwischen musikalisch-künstlerischer Beschäftigung sowie die Entwicklung der eigenen Rolle in der Gesellschaft werden erlebbar.

    Musikalische Vermittlung in der Kurt-Masur-Schule. © Christian Kern
  • Ausstellung und Archiv

    Seit Gründung des Internationalen Kurt-Masur-Instituts ist eine umfangreiche mediale Ausstellung zu Leben und Werk des Dirigenten in den Räumen des Mendelssohn-Hauses Leipzig entstanden. Zugleich stellt sein umfangreiches Archiv eine Anlaufstelle für unterschiedlichste Interessierte dar. Zurzeit werden sukzessive große Teile des Privatarchivs erschlossen, digitalisiert und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Masurs Nachlass umfasst zigtausende Briefe, Dokumente, Ton- und Filmaufnahmen sowie Presseartikel und Programmhefte aus über 70 Jahren seines Wirkens. Hinzu kommen umfangreiche Sammlungen von Fotos, Noten/Partituren, Plakaten und Kunstwerken und eine ergiebige Musikbibliothek.

    Einblick in das Kurt-Masur-Institut. © Christian Kern
  • Erinnerungen an Kurt Masur

    „Sein großes Lebenswerk wird durch die Menschen, die er begeistert, geprägt und gefördert hat, Bewahrung finden.“
    Monika Grütters über Kurt Masur

    Mit Kurt Masur verbindet sich die Vermittlung von humanistischen Botschaften. Musik als Kunst der nonverbalen Kommunikation war für ihn das wichtigste Mittel. „Ich habe immer versucht, den Menschen mit den Mitteln der Musik klarzumachen, dass es Höheres gibt als die Streitigkeiten des Tages.“ Eine große Interview-Sammlung mit Zeitgenossen, Weggefährten, Konzertbesuchern, Politikern und weiteren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens soll das Bild des Dirigenten und Weltbürgers Kurt Masur erweitern.