Sonntagsmatinée

Sonntagsmatinée, 6. Juni 2021, 11 Uhr,
Mendelssohn-Quartett      
Gunnar Harms und Kıvanç Tire, Violine
Larissa Petersen, Viola
Susanne Raßbach, Violoncello

Übertragung:
Homepage: www.mendelssohn-stiftung.de;
Facebook-Seite: www.facebook.com/MendelssohnHausLeipzig

Unser Programm:
Joseph Haydn (1732-1809)
Streichquartett f-Moll op. 20 Nr. 5
1. Allegro moderato / 2. Menuetto /3. Adagio / 4. Finale

Hugo Wolf (1860-1903)
Italienische Serenade G-Dur für Streichquartett (1887)

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Andante E-Dur für Streichquartett MWV R 34 (1847)

Erwin Schulhoff (1894 – 1942)
Fünf Stücke für Streichquartett
1. Alla valse viennese. Allegro / 2. Alla serenata. Allegro con moto /
3. Alla czeca. Molto allegro / 4. Alla tango milonga. Andante /
5. Alla tarantella. Prestissimo con fuoco

Unsere Künstler: Das Mendelssohn-Quartett Leipzig hat seit über zwei Jahrzehnten einen festen Platz im Leipziger Musikleben und ist regelmäßig im Mendelssohn-Haus, im Gewandhaus oder im Gohliser Schlösschen zu erleben. Es wurde 1995 gegründet und trägt seinen Namen seit 1997. Durch ein Aufbaustudium Kammermusik an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy (1996-1999) bei Dietmar Hallmann, der über 30 Jahre lang als Mitglied des Gewandhausquartetts wirkte, fühlen sich die Musiker der Leipziger Quartetttradition sehr eng verbunden. Das Quartett gewann den Leipziger Hochschulwettbewerb und war Finalist im Deutschen Hochschulwettbewerb.
Neben seiner kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Mendelssohns Werken bekennt sich das Quartett zu einem Ideal dieses Komponisten: der Wiederbelebung vergessener Meisterwerke, verbunden mit großer Neugier gegenüber aktueller Musik. In seinem Repertoire zeitgenössischer und (hierzulande) selten gespielter Komponisten finden sich Werke von Dutilleux, Martin, Françaix, Lekeu, Bridge, Britten, Schulhoff, Burgmüller, Gade u.a.
Im Mendelssohn-Haus, mit dem es eine besonders enge Zusammenarbeit verbindet, hat es neben vielen anderen Werken die Zyklen aller Quartette Mendelssohns  und Schumanns aufgeführt.
Während das Quartett an drei Positionen noch aus den Gründungsmitgliedern besteht, gab es 2016 zum zweiten Mal einen Wechsel an der zweiten Violine. Kıvanç Tire kommt aus den Reihen des Gewandhausorchesters.

Gunnar Harms, geboren 1966 in Holzminden, studierte Dirigieren und Violine in Detmold, Trossingen und Bloomington (USA). Nach Engagements beim European Community Chamber Orchestra und den Münchner Philharmonikern wurde er 1995 Mitglied des Gewandhausorchesters Leipzig. Er ist Konzertmeister des Leipziger Kammerorchesters und vom Mendelssohn Kammerorchester Leipzig, das er auch regelmäßig dirigiert. Seiner Leidenschaft für die klassische Unterhaltungsmusik geht er im Ensemble MendelsSalon nach. Als Kammermusiker, Solist und Dirigent ist er auf mittlerweile 9 CDs vertreten.

Kıvanç Tire, geboren 1989 in Aydın in der Türkei, begann sein Musikstudium im Alter von 11 Jahren bei Prof. Murat Tamer am Staatlichen Konservatorium der Hacettepe Universität Ankara. Im Jahr 2003 war er als jugendlicher Solist an einer Aufführung von Metin Altiok Oratorium zusammen mit Fazil Say beteiligt. Er gewann den 1. Preis des Yamaha Instrumental Competition 2010 in der Türkei und fand Aufnahme bei Young Musicians on the World Stage, einem Projekt von Güher und Süher Pekinel. Sein Studium in Ankara schloß er im Juni 2010 ab. Im Jahr 2011 unternahm er eine ausgedehnte Tournee mit seinem Kammerensemble durch die Türkei, gefolgt von einer Veröffentlichung des Programms auf DVD/CD. Er war Masterstudent bei Aitzol Iturriagagoitia an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig von 2010 bis Juni 2012. Es folgten zwei Jahre als Stipendiat der Mendelssohn Orchesterakademie. Seit 2014 ist er Mitglied der 1. Violinen des Gewandhausorchesters.

Larissa Petersen, Jahrgang 1974, stammt aus Zwenkau bei Leipzig. Im Alter von 15 Jahren wechselte sie von der Geige zur Bratsche. Sie ist Trägerin des 1. Bundespreises Jugend musiziert und errang 1997 das RWE Stipendium. Sie studierte in Leipzig bei Dietmar Hallmann und in Weimar bei Erich Krüger. Von 1995 bis 1998 spielte sie zunächst als Substitutin und dann zwei Jahre mit einem Zeitvertrag im Gewandhausorchester. Als Stipendiatin der Hindemith-Stiftung in Blonay (Schweiz) und der Villa musica Mainz spielte sie mit vielen bedeutenden Musikerpersönlichkeiten wie Thomas Brandis, Wolfgang Güttler, Ulf Rodenhäuser, Klaus Thunemann u. a. zusammen. Seit 2002 ist Larissa Petersen Mitglied der Robert-Schumann-Philharmonie in Chemnitz. Darüber hinaus ist sie im Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig und dem Leipziger Kammerorchester zu erleben. Sie ist eine leidenschaftliche Pädagogin.

Susanne Raßbach, geboren 1967 in Plauen, erhielt ihren ersten Cellounterricht im Alter von 7 Jahren in Waren/Müritz. Von 1982 bis 1989 studierte sie an der Leipziger Musikhochschule bei Wolfgang Weber. Im selben Jahr erhielt sie ein Engagement beim Rundfunksinfonieorchester Leipzig, heute MDR-Sinfonieorchester. Seitdem spielte sie in verschiedenen Kammermusik-Gruppierungen und war häufig in Rathauskonzerten des MDR und den Gewandhaus-Kammermusiken zu hören.

Zum Programm: „Das Quartett wurde von jeher als die keuscheste, edelste Musikgattung betrachtet, die vorzugsweise den Sinn für die Tonkunst hebt, bildet, verfeinert und mit den kleinsten Mitteln das Höchste leistet. Sie ist der sicherste Prüfstein gediegener Componisten. Die ersten Meister haben von jeher mit Vorliebe ihr Bestes in dieser Kunstgattung niedergelegt.“
Mit diesen Worten beschrieb der Haydn-Biograph Carl Ferdinand Pohl die bis heute als Königsdisziplin des Komponierens geltende Form des Streichquartetts. Zu jenen ersten Meistern gehörte zweifellos Joseph Haydn. In den etwa achtzig Streichquartetten, die er im Laufe seines Lebens schuf, hat er fortwährend mit dieser Gattung experimentiert, sie mit großem Einfallsreichtum weiterentwickelt und sie zur anspruchsvollsten Art kammermusikalischen Komponierens gemacht.
Das Quartett in f-Moll gehört zur 1772 entstandenen Werkgruppe op. 20. Diese erhielt aufgrund einer in Kupfer gestochenen Sonne, die das Titelblatt der Erstausgabe ziert, den Beinamen Sonnenquartette. Aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit und neuen Ausdrucksweisen trugen die sechs Werke des op. 20 entscheidend dazu bei, Haydns Ruhm zu begründen. Das gesteigerte technische und inhaltliche Niveau gelang Haydn, indem er die Erfahrungen aus seiner Beschäftigung mit der Oper auf die kleinere Gattung übertrug: Deren durch schnelle Interaktion der Personen entstehende Dramatik und die Vertonungen im Dialogstil nahm er als Vorbild für eine neue Art der Quartettkomposition. So entstanden Werke, in denen die vier Instrumente nicht mehr in ihrer traditionellen Rollenzuweisung verharren, sondern quasi ein Gespräch führen.

Eine ebenfalls beeindruckende kompositorische Erfindungsgabe zeigte Hugo Wolf. Neben seinen vielen Liedschöpfungen entstanden nur wenige kammermusikalische Werke, die er fast alle in seiner frühen Schaffensperiode schrieb. Es war eine Zeit, in der er versuchte, sich mit einer eigenen musikalischen Sprache auf dem Gebiet der Instrumentalmusik zu behaupten. Als 27jähriger schuf er so auch die Italienische Serenade, die, wie seine später entstandenen Liederzyklen Italienisches und Spanisches Liederbuch, von seiner Liebe zur südeuropäischen Musik zeugt. Dazu hatte ihn eine Szene aus der Eichendorffschen Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts inspiriert, in der ein kleines Orchester eine Serenade spielt. Diese Ständchenszene gestaltete Wolf als leichtfüßiges Sonatensatz-Rondo für Streichquartett, das mit einer Fülle von heiteren, eleganten und immer wieder leicht ironischen Stimmungen aufwartet, wobei das abwechslungsreiche Thema auf einer alten italienischen Melodie beruht.

In Felix Mendelssohn Bartholdys Œuvre ist die Gattung Streichquartett mit sieben Werken vertreten. Erstmals beschäftigte er sich als 13-jähriger mit diesem Genre, letztmalig in seinem Todesjahr 1847. Das dann entstandene Quartett op. 80 wird auch als Requiem für die im Mai 1847 verstorbene Schwester Fanny bezeichnet.
Mendelssohn hinterließ u.a. vier in unterschiedlichen Phasen seines Lebens entstandene Fragmente, die posthum unter der Opuszahl 81 veröffentlicht wurden. Zu diesem Sammelwerk gehört der in seinem letzten Lebensjahr entstandene Streichquartettsatz Andante in E-Dur. Es ist ein Variationssatz, der mit einem eleganten klassischen Thema beginnt, von dem sich der Komponist in fünf aufeinanderfolgenden Variationen zunehmend entfernt.
Als Mendelssohn das Stück Ignaz Moscheles vorspielte, befand dieser, es sei, verglichen mit dem durch „eine Aufregung von Schmerzens-Gefühlen“ geprägten Streichquartett op. 80, „weniger düster, etwas tröstlicher und harmonisch besonders gediegen“. Doch obwohl es sich beim Andante um ein reifes Werk von großer Vollkommenheit handelt, fanden die Werke des op. 81 im Konzertleben wenig Beachtung.

„Ein amüsanter, liebenswürdiger, witziger, spielerisch veranlagter, hochbegabter Künstler. Und ein wilder Temperamentmusikant, ein Draufgeher“. Mit diesen Worten beschrieb ein befreundeter Journalist den in Prag geborenen Komponisten Erwin Schulhoff, der seine Ausbildung am Leipziger Konservatorium erhalten und kurze Zeit auch bei Claude Debussy und Max Reger studiert hatte. Orientierte er sich anfangs noch an diesen Komponisten, so brachte ihn das Schock-Erlebnis des Ersten Weltkrieges bald dazu, eigene und sehr individuelle Wege zu gehen. Er begann, sich für alles zu interessieren, was modern war, sei es Expressionismus, Neobarock, Dadaismus oder Jazz. Als einer der ersten verband er all diese Stilrichtungen miteinander und entwickelte sich mit seinen handwerklich hervorragend gemachten Werken, die sich durch unverwechselbare Originalität auszeichneten,  zum meist beachteten Vertreter der tschechischen Moderne. Der Durchbruch gelang ihm 1824 mit den Fünf Stücken für Streichquartett. Sie stellen eine Folge kurzer Tanzsätze dar, die suitenhaft aneinandergereiht sind. Schulhoff experimentierte hier mit motivischen, metrischen und harmonischen Spielformen der Tänze seiner Zeit, seien es Walzer, Tango, eine düstere Tarantella oder die Volkstänze seiner Heimat.