Ein Leben in zwölf Monaten

"Jetzt mache ich eine andre kleine Arbeit, an der ich viel Spaß habe, nämlich eine Reihe von 12 Clavierstücken, die die Monate vorstellen sollen (…). So suchen wir uns das Leben zu zieren und zu verschönern, das ist der Vorzug der Künstler, daß sie solche Verschönerungen rings um sich her streuen, und alle die daran Antheil nehmen lassen können, die ihnen irgend nahe stehn."

Fanny Hensel in einem Brief an Friedrich August Elsasser vom 11. November 1841.

Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes
Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes © Mendelssohn-Haus Leipzig

Fanny Hensel starb wie ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy vor 175 Jahren. In Erinnerung an die herausragende Musikerin des 19. Jahrhunderts wird hier während des Jahres 2022 jeden Monat ein Einblick in ihr Leben gegeben, umrahmt von dem 1841 geschaffenen Klavierzyklus "Das Jahr". Fanny Hensel komponierte die zwölf Charakterstücke als Weihnachtsgeschenk für ihren Mann Wilhelm, der die Notenblätter mit Vignetten verzierte. Mit seinen Naturstimmungen, jahreszeitlichen Ereignissen, Reminiszenzen an die Höhepunkte des Kirchenjahres und Erinnerungen an die Reise nach Italien ist der Klavierzyklus ein musikalisches Abbild der gemeinsam verbrachten Lebenszeit.

Der September – Eine Reise nach Frankreich und Belgien

Anfang September des Jahres 1835 war Fanny Hensel mit ihrer Familie in Boulogne. Der Hausarzt hatte ihr zur Stärkung ihrer Gesundheit dringend zu einem Aufenthalt in einem Seebad geraten hatte. Die Wahl des Badeortes Boulogne-sur-Mer war gefallen, da sich verschiedene Interessen und Reiseziele damit verbinden ließen. Die erste große Station war Köln.

In jenem Jahr leitete Felix Mendelssohn Bartholdy zum zweiten Mal das »Niederrheinische Musikfest«, das traditionell am Pfingstwochenende veranstaltet wurde. Die gesamte Familie nahm dies zum Anlass für ein Treffen in Köln. Fanny und ihre Schwester Rebecka wirkten als Choristinnen bei den vom Bruder dirigierten Aufführungen mit. Wilhelm Hensel, dessen Schwester Minna, Sohn Sebastian und die Eltern Abraham und Lea Mendelssohn Bartholdy saßen im Publikum und wurden Zeugen des großen Erfolges der Konzerte. Im Anschluss an das Festival reisten die Hensels über Lüttich nach Paris. Dort widmeten sie sich intensiv der bildenden Kunst; begegneten den Malern Paul Delaroche, Horace Vernet, Francois Gérard sowie Frédéric Chopin und Giacomo Meyerbeer. Über Rouen und Abbeville erreichten sie dann Boulogne.

Die Zeit in dem Seebad war sicherlich erholsam, doch der umtriebigen Fanny etwas zu eintönig. Sie würde sich wie ein Mops im Mondenschein langweilen, schrieb sie an ihre Schwester Rebecka. Einmal traf sie Heinrich Heine, den sie noch immer nicht sonderlich sympathisch fand, aber dennoch während ihres Aufenthaltes einige Gedichte ihm vertonte.

Die Rückreise verbanden sie mit Stationen in Brügge, Gent und Brüssel. Den letzten Halt legten sie Ende September 1835 in Leipzig ein. Felix Mendelssohn Bartholdy war einen Monat zuvor eingetroffen und bereitete sich auf sein Amt als Gewandhauskapellmeister vor. Zu seinem Antrittskonzert am 4. Oktober weilte Familie Hensel jedoch bereits wieder in Berlin.