Ein Leben in zwölf Monaten

"Jetzt mache ich eine andre kleine Arbeit, an der ich viel Spaß habe, nämlich eine Reihe von 12 Clavierstücken, die die Monate vorstellen sollen (…). So suchen wir uns das Leben zu zieren und zu verschönern, das ist der Vorzug der Künstler, daß sie solche Verschönerungen rings um sich her streuen, und alle die daran Antheil nehmen lassen können, die ihnen irgend nahe stehn."

Fanny Hensel in einem Brief an Friedrich August Elsasser vom 11. November 1841.

Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes
Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes © Mendelssohn-Haus Leipzig

Fanny Hensel starb wie ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy vor 175 Jahren. In Erinnerung an die herausragende Musikerin des 19. Jahrhunderts wird hier während des Jahres 2022 jeden Monat ein Einblick in ihr Leben gegeben, umrahmt von dem 1841 geschaffenen Klavierzyklus "Das Jahr". Fanny Hensel komponierte die zwölf Charakterstücke als Weihnachtsgeschenk für ihren Mann Wilhelm, der die Notenblätter mit Vignetten verzierte. Mit seinen Naturstimmungen, jahreszeitlichen Ereignissen, Reminiszenzen an die Höhepunkte des Kirchenjahres und Erinnerungen an die Reise nach Italien ist der Klavierzyklus ein musikalisches Abbild der gemeinsam verbrachten Lebenszeit.

Juni – Der Blick der Zeitgenossen

Am 27. Juni 1847 fand zu Ehren Fanny Hensels in Berlin eine musikalische Gedenkfeier statt, zu der Mozarts »Requiem« und Auszüge aus Mendelssohns »Paulus« erklangen.

Die Reaktionen auf den Tod von Fanny Hensel waren zahlreich und verdeutlichen einmal mehr, wie groß der Ruhm war, den sie sich unter den Zeitgenossen erworben hatte.

In den Memoiren des Komponisten Charles Gounod, der Fanny Hensel in Rom kennengelernt hatte, steht zu lesen: »Madame Hensel war eine außergewöhnliche Musikerin, bemerkenswerte Pianistin, eine Frau spritzigen Geistes, klein, aber voller Energie, die sich in ihren tiefen Augen und ihrem Blick, der voller Feuer war, erahnen ließ. Sie war begabt mit seltenen Fähigkeiten als Komponistin.«

Aber auch in der renommierten Leipziger »Allgemeinen Musikalischen Zeitung« von 1847 findet sich eine Würdigung der Künstlerin: »Man würde irren, wenn man Frau F. Hensel zu den Nachahmern ihres Bruders zählen wollte. Wer es weiss, dass beide Geschwister dieselbe musikalische Erziehung genossen, in derselben Kunstanschauung aufgewachsen sind, kurz, ihre ganze musikalische Jugend zusammen verlebt haben, wird eine Familienähnlichkeit der Compositionen beider natürlich, ja nothwendig finden. [...] Die Verschiedenheit ist trotzdem für den schärfer Blickenden klar genug. Mendelssohn’s Ausdrucksweise ist höchst präcis, er sagt lieber zu wenig als zu viel, er baut stets auf einen Gedanken und rundet das Ganze auf leicht verständliche Weise. Die Lieder der Frau F. Hensel sind complicirter; der Phantasie ist hier freiere Bewegung gestattet, die Form breiter angelegt, nicht selten auch durch einen antithetischen Mittelsatz grössere Mannichfaltigkeit erzielt.«