Ein Leben in zwölf Monaten

"Jetzt mache ich eine andre kleine Arbeit, an der ich viel Spaß habe, nämlich eine Reihe von 12 Clavierstücken, die die Monate vorstellen sollen (…). So suchen wir uns das Leben zu zieren und zu verschönern, das ist der Vorzug der Künstler, daß sie solche Verschönerungen rings um sich her streuen, und alle die daran Antheil nehmen lassen können, die ihnen irgend nahe stehn."

Fanny Hensel in einem Brief an Friedrich August Elsasser vom 11. November 1841.

Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes
Fanny Hensel, unbekannter Maler, Reproduktion des Ölgemäldes © Mendelssohn-Haus Leipzig

Fanny Hensel starb wie ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy vor 175 Jahren. In Erinnerung an die herausragende Musikerin des 19. Jahrhunderts wird hier während des Jahres 2022 jeden Monat ein Einblick in ihr Leben gegeben, umrahmt von dem 1841 geschaffenen Klavierzyklus "Das Jahr". Fanny Hensel komponierte die zwölf Charakterstücke als Weihnachtsgeschenk für ihren Mann Wilhelm, der die Notenblätter mit Vignetten verzierte. Mit seinen Naturstimmungen, jahreszeitlichen Ereignissen, Reminiszenzen an die Höhepunkte des Kirchenjahres und Erinnerungen an die Reise nach Italien ist der Klavierzyklus ein musikalisches Abbild der gemeinsam verbrachten Lebenszeit.

August – Eine außergewöhnliche Begegnung mit Goethe

Am 28. August 1822 jährte sich der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe zum 73. Mal. Kurz darauf hatte Fanny erstmals die Gelegenheit, dem Dichterfürsten persönlich gegenüber zu stehen. Ihr Vater Abraham Mendelssohn durfte bereits 1816 Goethes Bekanntschaft machen, der in der Familie Mendelssohn kultisch verehrt wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass Fanny und Felix dessen Gedichte schon früh vertonten. 1821 wurde Felix von seinem Lehrer Carl Friedrich Zelter im Goetheschen Hause eingeführt und ein Jahr später bekamen schließlich alle anderen Familienmitglieder bei einem zweitägigen Aufenthalt in Weimar – auf der Rückreise von der Schweiz – die Gelegenheit, den Dichter kennen zu lernen. Lea Mendelssohn berichtete ihrer Cousine Henriette von Pereira-Arnstein: »Daß Weimar der schöne Schlußstein war, der das Ende unserer Reise krönte, weißt Du wohl schon, liebe Jette! An Goethens und Schopenhauers machten wir unvergessliche, herrliche Bekanntschaften. Mit inniger Mutterfreude sah ich, dass Felix sich unter den vorzüglichen Menschen ungemein beliebt gemacht hatte und gern verdankten die glücklichen Eltern ihm die ausgezeichnete Güte mit der wir aufgenommen wurden. ... Auch gegen Fanny war Goethe sehr gütig und herablassend; sie musste ihm viel Bach spielen, und seine, von ihr komponirten Lieder gefielen ihm außerordentlich, so wie es ihn überhaupt erfreut, sich in Musik gesetzt zu hören.« Vier Lieder hatte Fanny zu dieser Zeit auf Texte von Goethe komponiert und wohl zu diesem Anlass vorgetragen. Sie muss auf Goethe einen große Eindruck gemacht haben, da jener in einem Brief an Felix schrieb: »Empfiel mich … der gleichbegabten Schwester ...«

1827 bedachte Goethe Fanny sogar mit dem Gedicht »Wenn ich mit in stiller Seele«, was sie mit großer Dankbarkeit erfüllte und zur Vertonung inspirierte: »Ein Gedicht von Goethe! Ein solches Gedicht! Und ganz von seiner Hand. Ich werde es, da es mir nicht Belohnung schon errungener Verdienste seyn kann, als Aufmunterung betrachten, und mich bemühen, es einst in Zukunft zu verdienen ...«